VUSR-Tagung: Lob von Politik, Kritik an TUI

30. Oktober 2020 Aus Von Gerlach

Ein zunehmender Beratungsbedarf, neue digitale Konzepte, vielerorts treue Kunden und ein extrem ausgeprägtes Durchhaltevermögen: Inhabergeführte Reisebüros haben trotz der anhaltenden Krise gute Chancen, nach dem Neustart des Tourismus erfolgreich ins Geschäft zurückzukommen.

Das ist das Fazit der Tagung des Reisebüro-Verbands VUSR am Freitag im Kölner Maritim Hotel. Die wurde trotz der aktuellen Corona-Situation mit 160 Teilnehmern bewusst vor Ort durchgeführt. „Wir wollten zeigen, dass man auch in diesen Zeiten reisen und Tagungen veranstalten kann“, so VUSR-Vorsitzende Marija Linnhoff zum Auftakt der Tagung.  

 

Geringe Ansteckungsgefahr

Rückendeckung für die mutige Entscheidung gab es von Jonas Schmidt-Chanasit, Virologe und Hochschullehrer an der Uni Hamburg: „Ja, eine solche Veranstaltung ist absolut richtig, wenn die Hygienekonzepte stimmen und die Leute sich daran halten. Das ist hier der Fall. In einem Saal wie diesem gibt es nur eine sehr geringe Gefahr sich anzustecken.“ Und diese Gefahr gehöre heute nun mal zum Alltag, so Schmidt-Chanasit.  

Genau dieser neue Alltag war das Topthema der Veranstaltung. Welche Risiken bringt diese Krise noch mit sich, welche Chancen ergeben sich? Und wie kommt man über den Winter? Fertige Lösungen dafür gibt es nicht, Ideen aber sehr wohl. Sie stecken in Themen wie Digitalisierung, alternativen Job-Ideen für Reisebüros und zusätzlicher Unterstützung vom Staat.

Keinen Zweifel ließ die Tagung daran, dass die kommenden Monate extrem hart werden. „Ich bin gut aufgestellt. Aber wenn das Geschäft im nächsten Jahr nicht anzieht, wird es trotz der staatlichen Hilfen sehr schwer“, nahm unter anderem Sandra Jacobs, Inhaberin des TUI Reisecenters Kevelaer, kein Blatt vor den Mund.

Politiker Tressel: „Demos waren richtig“

Immerhin: Glaubt man der Aussage von Markus Tressel, Tourismuspolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen, wird es auch 2021 Überbrückungshilfen vom Staat geben. In Nordrhein-Westfalen werden diese schon jetzt durch einen Unternehmerzuschuss in Höhe von 1.000 Euro monatlich aufgestockt, künftig soll es auch bundesweit Geld für Unternehmer und Solo-Selbstständige geben, insofern sie den Reiseverkauf im Hauptberuf ausüben.

In seiner Videobotschaft bedankte sich Tressel ausdrücklich bei allen Touristikern für ihr politisches Engagement in diesem Jahr – und für die bundesweiten Demos. Sie hätten vielen Politikern und vor allem auch der Regierung deutlich gemacht, wie groß die Not in der Branche ist, betonte der Oppositionspolitiker. „Sie haben sich Ihre Unterstützung erkämpft“, so Tressel. 

 

Scharfe Kritik an TUI 

Eines der Topthemen der Tagung war der künftige Umgang des Vertriebs mit TUI. Denn der Frust auf den langjährigen Marktführer ist gewaltig. Fazit der Diskussion: Viele Reisebüros werden künftig verstärkt nach Alternativen zu TUI suchen. Aber verzichten kann man auf die Marke nicht.  

Das hat nicht nur damit zu tun, dass TUI mit Iris Plus über „eine hervorragende Technik“ verfügt, wie Cornelius Meyer von Best-Reisen betonte. Der Marktführer bietet vielmehr auch Produkte, auf die selbst TUI-kritische Reisebüros nicht verzichten wollen. 

Da wo es geht, haben einige Büros TUI aber schon aussortiert: So berichtete Ralf Phillips vom Reisebüro Phillips in Bergen, statt TUI Cars künftig Sunny Cars zu buchen. Auch den Consolidator hat er bereits gewechselt. Beim Thema TUI denke er zurzeit an die Titanic, die gerade auf einen Eisberg zusteuert, so Phillips: „Reisebüros sind am Ende die Passagiere, die sich auf eine Eisscholle retten. Was aus TUI wird, weiß ich nicht.“

Enttäuscht waren viele Teilnehmer auch, dass der (Noch-?) Marktführer die Tagung nicht einmal als Chance sah, sich der Kritik der Reisebüros zu stellen – wie es jüngst etwa LMX vorgemacht hat. „TUI war für Reisebüros lange Zeit abgetaucht – und sie bleiben leider abgetaucht“, kritisiert Cyrus Nurischad von Ambiente Tours in Rennerod. Best-Reisen-Vorstand Meyer mahnte an: „Krisen-Management kann keine Einbahnstraße sein.“ 

Ob sich daran etwas ändert, weiß zurzeit niemand. Die Hoffnung aber stirbt zuletzt: „TUI hat viel falsch gemacht. Aber auch in Hannover weiß man, dass es ohne Reisebüros nicht geht“, so Tourcontact-Chef Dirk Bender.

 
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