Ukraine-Krieg: Wie sind die Auswirkungen auf das Baltikum?

5. April 2022 Aus Von Gerlach

Als Marketing-Managerin von Visit Estonia ist Evely Baum-Helmis für die deutschsprachigen Märkte zuständig und leitet das Büro in Hamburg. Im Gespräch mit touristik aktuell geht sie auf die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf Estland ein und rät, weiterhin zu reisen. Zudem spricht sie über die Wichtigkeit der Reisebüros und stellt das Estland-Experten-Programm vor. 

Frau Baum-Helmis, erst Corona, jetzt wirbelt der Krieg in der Ukraine den Tourismus kräftig durcheinander. Spüren Sie die Auswirkungen in Estland? 
Der erste volle Kriegsmonat war der März, und die Unterkunftsstatistik, die alle Zahlen detailliert ausweist, wird Anfang Mai erscheinen. Sicherlich hat der Ausbruch des Krieges Auswirkungen gehabt. Wir müssen auch berücksichtigen, dass es einen ,Compounding-Effekt‘ im weiteren Sinne gibt: Der Schock darüber, dass in Europa ein Krieg ausgebrochen ist, hat viele Menschen für eine Weile generell vom Reisen abgehalten. Auf einige Regionen, die geografisch näher am Kriegsgebiet liegen, wirkt sich das länger und stärker aus. 

Was sind konkrete Auswirkungen?
Vor allem die Kreuzfahrt ist betroffen: Von insgesamt mehr als 3.000 Kreuzfahrten wurden bereits über 100 Reisen abgesagt. Diese Stornierungen betreffen vor allem Touren, die neben Tallinn auch St. Petersburg anlaufen sollten – ein beliebtes Ziel für Kreuzfahrtschiffe, das derzeit gar nicht angelaufen wird. Einige kleinere Schiffe haben stattdessen Saaremaa, Estlands größte Insel, als alternatives Ziel gewählt. Während beispielsweise im letzten Jahr gar keine Kreuzfahrtschiffe Saaremaa besuchten, sind für dieses Jahr 15 geplant. 

Erreichen Sie viele Anfragen von Reisebüros und Veranstaltern?
Es gibt Anfragen und auch einige Stornierungen – der Trend geht dahin, dass, während zwischenzeitlich weiter im Voraus gebucht wurde, jetzt, genau wie auf dem Höhepunkt der Covid-Krise, kurzfristiger gebucht wird. Dies erschwert es den Reiseveranstaltern, die Zahl der Reisenden vorherzusagen. In der Regel sieht es so aus, dass weniger Stornierungen erfolgen, aber keine oder nur wenige Neubuchungen für Estland dazukommen. Das betrifft das ganze Baltikum wie auch Polen und natürlich Russland. 

Was sind die Hauptbedenken?
Es gibt keine konkreten Anliegen, sondern eine allgemeine Unruhe und Angst vor dem Krieg in der Ukraine. Der erste Schock ist jedoch verflogen, und die Menschen hören nicht mehr nur auf ihre Emotionen, sondern beobachten die Situation. Die anfängliche Situation bei Ausbruch des Krieges war vergleichbar mit dem Beginn der Coronakrise. Es begann mit einer allgemeinen Abriegelung, mit Verboten und Ängsten, und später wurde die reale Situation analysiert und die Handlungsoptionen, die imaginären und realen Risiken im Kontext der neuen Situation bewertet.

Gibt es begründete Sorgen?
Estland gehört zur Nato, zur Europäischen Union und zu Schengen, genau wie Deutschland. Heute haben wir alle genau die gleichen Sorgen: Wie kann die Sicherheit gestärkt, wie kann die wirtschaftliche Abhängigkeit verringert werden? Wie für andere europäische Länder auch, besteht für Estland heute keine direkte militärische Bedrohung. Reisen sind immens wichtig. Wenn wir zu skeptisch werden, unsere Reisepläne aufgeben und Buchungen stornieren, werden wir die täglichen Kontakte abreißen und die Wirtschaft der verbündeten Länder unnötig in Schwierigkeiten bringen, und zwar nicht wegen eines drohenden Krieges, sondern nur aufgrund von Ängsten.

Wie ist die Situation vor Ort?
Das tägliche Leben und die Dienstleistungen in Estland laufen genauso normal weiter wie in Berlin oder London. Urlauber können nach Estland reisen und dort ihren Urlaub ohne Hindernisse oder Einschränkungen genießen. Zwei konkrete Beispiele zeigen, dass das Leben in Estland normal weitergeht, und nach wie vor Veranstaltungen im Land stattfinden: Vom 4. bis 6. Mai bringt die Tallinn Music Week, eines der größten und internationalsten Festivals für Musik und urbane Kultur in Nordeuropa, Journalisten, Meinungsführer und Kulturschaffende aus ganz Europa zusammen. Von Mai bis Oktober findet zudem regelmäßig eine Bootsfahrt auf dem Narva-Fluss zwischen Narva und Narva-Jõesuu, der nordischen Riviera, statt. 

Weshalb sollte man gerade jetzt nach Estland und ins Baltikum reisen?
Die beliebteste Reisezeit der Deutschen in die baltischen Staaten steht kurz bevor. Die Corona-Zahlen sinken schnell, die Beschränkungen wurden gelockert. Wer nach Estland in den Urlaub fliegen will, muss nicht viel Zeit investieren: Ab Mai gibt es Direktflüge von Lufthansa von München nach Tallinn. Ryanair wird ab April die Strecke Nürnberg–Tallinn bedienen. Air Baltic fliegt von Berlin und München weiterhin Tallin direkt an, Lufthansa ab Frankfurt  zweimal täglich. Ab Mai wird Lufthansa Tallin dreimal pro Tag ab Frankfurt bedienen. Ein großes Plus für die Deutschen ist, dass es hier keinen Massentourismus gibt, wir haben viel Freiraum und Platz. Estland ist das Land der kurzen Wege. Dutzende Aktivitäten wie ein Segeltörn zu einer kleinen Insel, ein kulturelles Erlebnis in der Stadt, ein Abstecher zu den Moorgebieten oder eine Radtour führen in verschiedene Ecken des Landes und ermöglichen zahlreiche Erlebnisse in einem kurzen Zeitraum. Estland punktet außerdem als Campingparadies und einer hervorragenden, kreativen Küche. Estland ist wie gemacht für einen der aktuellen Trends, die Workation.

Wie wichtig ist der deutsche Markt für Estland? 
Deutschland ist gemeinsam mit Lettland der drittgrößte Quellmarkt für Estland, was die Übernachtungen angeht. Vor der Covid-Krise stiegen die Übernachtungen aus Deutschland nach Estland im Jahr 2019 mit über einer halben Million um elf Prozent. Während der Pandemie verzeichnete Estland, wie andere europäische Länder auch, einen Rekord beim Inlandstourismus. Für das kommende Jahr hoffen wir auf eine Verbesserung der Zahlen beim Auslandstourismus, wenn die Covid-Krise abklingt. Ich hoffe sehr, dass Deutschland seinen dritten Platz halten wird. 

Wie wichtig sind Reisebüros für Sie?
Sehr wichtig. In Deutschland haben wir ein Expertenprogramm für Estland-Anbieter ins Leben gerufen. Das Programm ist ein exklusiver Bereich für Reiseberater, die dort jede Menge Informationen und digitale Inhalte direkt zum Herunterladen finden. Estland-Experten können sich dort auch für Inforeisen bewerben. Außerdem werden wir mit gemeinsam mit unseren Partnern aus Estland Reiseveranstalter bei Events treffen und im Rahmen von E-Learning-Programme und -Webinaren zu Estland schulen. Auch sind weitere Famtrips Veranstalter und Reisebüros geplant. Wir haben unsere Präsenz seit Beginn des Jahres in Deutschland sehr intensiviert, vor allem im B2B-Bereich und sind sehr positiv, was der Erholung des Tourismus in 2022 betrifft. 

 
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