Perspektivenwechsel: Von der Krisenregion in den Urlaub

Perspektivenwechsel: Von der Krisenregion in den Urlaub

22. November 2020 Aus Von Gerlach
Die gebürtige Spanierin Isabel Ramón arbeitet als Gynäkologin in Wien. Im September 2019 verbrachte sie zwei Monate im Tschad. Sie war für die Nicht-Regierungsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ im Einsatz. Der Tschad liegt im Zentrum von Afrika und gehört zu den ärmsten Ländern der Welt: eine „vergessene“ Krisenregion, die von Mangelernährung, schlechter Gesundheitsvorsorge und ethnischen Konflikten geprägt ist. Im Interview erzählt die Ärztin, wie sie die „etwas andere Reise“ in den Tschad erlebt hat. Wie blickt sie nach dieser Erfahrung auf die eigene Heimat? Und: Wie beurteilt sie klischeehafte Urlaubsparadiese?

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kofferpacken.at: Bisher waren sie in den Flieger gestiegen, um Urlaub zu machen oder Ihre Familie in Spanien zu besuchen. Mit welchem Bauchgefühl saßen Sie im September 2019 im Flugzeug – auf dem Weg von Wien ins 6.000 Kilometer weiter südlich gelegene Herz von Afrika – den Tschad?

Isabel Ramón: Ich habe eine enorme Aufregung verspürt. Denn eigentlich wäre ein längerer Einsatz an der Elfenbeinküste geplant gewesen. Dieser wurde aber gecancelt. Und so fiel innerhalb einer Woche die Entscheidung, dass ich für zwei Monate im Tschad sein würde. Die politischen und sozialen Bedingungen sind dort um einiges anders. Es war aber eine positive Aufregung. Die Zeit im Flugzeug zählt zu den schönsten Momenten in meinem Leben: Mir stand ein Abenteuer bevor und ich wusste nicht, was mich dort genau erwarten würde. Ich war ganz offen für alles, was auf mich zukommen würde. Wie ein kleines Kind hatte ich das Gefühl, dass ich alles aufnehmen, annehmen und integrieren würde, was mir dort begegnen sollte. Man weiß ja, dass es ohnehin einen Kulturschock geben wird. Wenn man verschlossen ist und nichts annehmen will, ist man allein und entfremdet. Das wollte ich auf keinen Fall.

kofferpacken.at: Wie haben Sie nach der Ankunft die Fremde wahrgenommen?

Isabel Ramón: Die Landschaft war sehr schön, sehr grün. Am Anfang war aber alles nicht so einfach. Der Tschad hat eine schwierige politische Vorgeschichte und ist umgeben von Ländern, die im Krieg sind oder bis vor kurzem im Krieg waren. Das macht etwas mit den Menschen. Sie sind ein wenig skeptisch. Und sie brauchen Zeit, bis sie sich öffnen wollen und können. Ich war sehr enthusiastisch und wollte alles entdecken. Aber gleich am ersten Tag habe ich gemerkt: Ich muss geduldiger sein. Ich muss mir und den Menschen vor Ort ein bisschen Zeit lassen. Sonst könnten sie sich überfahren fühlen und das Gefühl haben: „Hier kommt die junge Frau aus Europa. Sie hat keine Ahnung, wie wir leben und warum wir so leben. Aber sie würde am liebsten an einem Tag alles verändern.“ Wir von „Ärzte ohne Grenzen“ sind für die Einheimischen gewissermaßen etwas Exotisches. Aus deren Perspektive betrachtet kann unser Dasein auch unschöne, verletzliche Gefühle auslösen. Bei den internen Workshops und Fortbildungen wird uns deshalb beigebracht, dass man sich wirklich Zeit lassen muss. Das war auch so. Dieses Feingefühl ist sehr wichtig bei solchen Einsätzen.

kofferpacken.at: Wie sieht es im Tschad aus? Unter welchen Umständen leben die Menschen?

Isabel Ramón: Obwohl es kein großes Land ist, sieht es im Norden ganz anders aus als im Süden. Der Norden ist trocken und von Wüste geprägt. Im Süden, da wo ich war, an der Grenze zur Republik Zentralafrika, ist es sehr üppig und grün. So hatte ich das nicht erwartet. Die Menschen leben – anders als in der Hauptstadt N’Djamena – von der Landwirtschaft. Sie bauen Reis und Gemüse an. Auf Märkten wird verkauft, was der Boden hergibt. Weil keine Klamottenläden existieren wie bei uns, gibt es sehr viele Schneider. Die Leute kaufen sich am Markt einen Stoff und lassen dann ihre Kleidung anfertigen. Generell hat mich die Armut – verglichen mit Europa – sehr überrascht und berührt. Im Süden haben die Menschen weder Strom noch Wasser. Sie holen sich das Wasser zu Fuß von Quellen und Brunnen. Sie kochen, essen und schlafen auf dem nackten Boden. Man sieht keine älteren Personen auf den Straßen. Die wenigen betagteren Gesichter gehören zu Menschen, die geschätzt um die 45 Jahre alt sind. Das liegt daran, dass die Lebensbedingungen hart sind und die Leute nicht recht alt werden.

kofferpacken.at: Wie waren Sie als Mitarbeiterin von „Ärzte ohne Grenzen“ untergebracht?

Isabel Ramón: Es wird für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Einsatz versucht, die Lebensbedingungen etwas näher am europäischen Standard zu halten. Wir hatten zum Beispiel Strom, Internet und fließendes Wasser. Für uns ist es wichtig, mit unseren Familien daheim in Kontakt sein zu können. Die Wohnungen waren mit Betten ausgestattet – einfach, aber angenehm.

kofferpacken.at: Was sind die größten Nöte und die dringendsten medizinischen Herausforderungen im südlichen Tschad?

Isabel Ramón: Auf jeden Fall Malaria, weil es vor Ort keine Prophylaxe gibt. Die Mittel des Gesundheitsministeriums sind allgemein sehr beschränkt, sowohl beim Personal als auch bei den Medikamenten. Ohne das Vor-Ort-Sein von „Ärzte ohne Grenzen“ wäre dies auf keinen Fall ausreichend. Auch die Distanzen zu den Krankenhäusern sind ein Problem. Sie sind nicht sehr weit, aber die Bedingungen der Straßen sind extrem schlecht. Für eine 17 Kilometer lange Strecke braucht man mit dem Motorrad rund zweieinhalb Stunden, zu Fuß noch länger. Das heißt für viele lebensbedrohliche Fälle, dass man leider zu spät kommt.

kofferpacken.at: War es Ihnen möglich, Land und Leute auch abseits Ihrer Tätigkeit als Gynäkologin ein bisschen kennenzulernen?

Isabel Ramón: Nur jeweils für ein paar Tage am Anfang und am Ende des Aufenthalts. Ich musste ja während meines Einsatzes ständig für Notfälle parat sein. Was die Menschen betrifft, war ich viel mit denn einheimischen Hebammen in Kontakt. Bezüglich Land und Leute sind mir die eindrucksvolle grüne Landschaft und die für die Region charakteristischen Lehmhäuser mit ihren Strohdächern aufgefallen.

kofferpacken.at: Wie hat Sie das Eingebundensein in einen krisenreichen Ort wie den Tschad geprägt?

Isabel Ramón: Sehr. Mir ist zum ersten Mal bewusster geworden, welches Luxussystem wir in Europa haben. Das ist ja prinzipiell nichts Schlechtes. Aber das Problem ist, dass wir es überhaupt nicht oder nur sehr wenig schätzen. Unter anderem deshalb hatte ich beim Zurückkommen wirklich Schwierigkeiten, mich anzupassen. Dieses ständige Jammern und Meckern, weil zum Beispiel das Essen im Krankenhaus nicht gut schmeckt oder das Zimmer nicht als schön genug empfunden wird, hat mich sehr zum Nachdenken gebracht. Wir in Europa haben sehr hohe Erwartungen verglichen mit den Menschen im Tschad. Wenn man einmal beide Seiten erlebt hat, wird einem dieser immense Unterschied vor Augen geführt. Es wurde mir klar, wie hilfreich ich woanders sein kann – für Menschen, die das wirklich schätzen. Das alles, was im Tschad vor sich geht, könnte theoretisch auch in Europa der Fall sein. Zum Glück ist es nicht so – aber wir schätzen es nicht. Wir gehen immer davon aus, dass bei uns alles in Ordnung ist oder kommt.

kofferpacken.at: Hat sich Ihr Blick auf die Welt durch diesen Arbeitseinsatz verändert?

Isabel Ramón: Ich glaube durch diese Erfahrung ist meine Arbeit in Europa weniger erfüllend als früher. Eben weil ich gesehen habe: Es gibt andere Orte, an denen ich mehr Hilfe leisten kann und wo sie besser angenommen wird. Dadurch sind meine inneren Werte in Konflikt geraten. Ich will auf keinen Fall behaupten, dass hier alles schlecht ist. Ich habe nur für mich entdeckt, wo ich mehr beitragen kann und was für mich erfüllender ist.

kofferpacken.at: Die Reise in den Tschad war eine ganz besondere Reise. Betrachten Sie klassische Urlaubsziele jetzt aus einem anderen Blickwinkel?

Isabel Ramón: Ja, definitiv. Ich war auch vor dem Aufenthalt im Tschad kein Fan von Mainstream-Urlaubszielen. Ich wollte nie in klassische Urlaubsländer wie Thailand oder Indien fliegen, um mir nur die schönsten, die lichtvollen Seiten anzusehen. Ich finde es nicht gut, die Schattenseiten auszublenden. Natürlich kann Tourismus auch Geld in andere Länder bringen. Aber es geht um die Art und Weise, wie das passiert. Oft hat es den Beigeschmack: „Wir sind die ‚reichen Europäer‘ und ihr bedient uns bitte.“ Nach dem Tschad wurde mir das noch klarer. Mich interessiert ein ganzheitlicher Blick auf Länder. Ich möchte erleben, wie es woanders wirklich ist. Ich möchte Verantwortung tragen und etwas beitragen.

kofferpacken.at: Wie hat sich Ihr Urlaubsverhalten nach dem Tschad-Einsatz verändert? Man möchte ja trotzdem einfach mal ausspannen. Wo und wie haben Sie Urlaub gemacht?

Isabel Ramón: Ich war danach zwei Mal in Costa Rica. Dieses Land berührt mich sehr, auch weil dort meine Muttersprache Spanisch gesprochen wird. Einmal habe ich im Rahmen eines Workaway-Aufenthalts vor Ort mitgeholfen. So konnte ich etwas vom Land mitbekommen, mit vielen Menschen in Kontakt sein und etwas beitragen. Das andere Mal war ich als „normale“ Touristin unterwegs. Auch da habe ich wirklich versucht, mich zu integrieren und mit so vielen Menschen wie möglich zu reden. Also irgendwie mehr zu machen als die touristischen Klassiker anzuschauen und dann wieder heimzufliegen.

kofferpacken.at: Zurück in den Tschad. Sie waren insgesamt zwei Monate lang dort. Was ist in Ihnen vorgegangen, als Sie im Flugzeug retour nach Europa gesessen sind?

Isabel Ramón: Ich war sehr traurig, weil ich gern länger geblieben wäre. Und das, obwohl ich körperlich und geistig sehr müde war. Ich wusste, dass es auf keinen Fall meine letzte solche Erfahrung sein würde. Das Zurückkehren nach Europa war wie gesagt ein Schock. Ich musste in Paris umsteigen. Am Flughafen Charles de Gaulle waren da plötzlich diese Luxusläden, von Dior bis Gucci. Ein paar Stunden fragte ich mich: Wo bin ich hier? Was ist passiert? Ich war wirklich perplex.

Ärzte ohne Grenzen im Tschad
„Ärzte ohne Grenzen“ ist seit 1981 im Tschad aktiv. Im Jahr 2019 wurden mehr als 109.000 Menschen gegen Malaria behandelt. Außerdem führte die Organisation Masernimpfungen durch, reagierte auf einen Meningitis-Ausbruch und versorgte tausende mangelernährte Kinder. Hier geht‘s zu den Spendeninfos.

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Gynäkologin Isabel RamonDie gebürtige Spanierin Isabel Ramón, 35 Jahre alt, arbeitet als Gynäkologin in einem Wiener Spital. Im September 2019 war sie zwei Monate lang als „Ärztin ohne Grenzen“ im Tschad stationiert. Im Süden des Landes (Gesundheitsbezirk Moissala) ging es vor allem darum, Malaria bei kleinen Kindern und Schwangeren vorzubeugen und zu behandeln.

Fotos: Ärzte ohne Grenzen/Isabel Ramón

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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