Hüttenwirt Stefan Schwaiger: „Mich regt nix mehr auf“

Hüttenwirt Stefan Schwaiger: „Mich regt nix mehr auf“

18. Oktober 2020 Aus Von Gerlach
Stefan Schwaiger ist seit mehr als zwölf Jahren Hüttenwirt auf der Göppinger Hütte (2.245 Meter) im Vorarlberger Lechquellengebirge. Von Juni bis Ende September/Anfang Oktober sind er, seine Frau Veronika und die kleine Tochter durchgehend in den Bergen. Im Interview mit kofferpacken.at verrät der Hüttenwirt, wie es sich hier oben lebt, wie er mit schwierigen Gästen umgeht und warum er auf ein Umdenken bei Wanderern hofft.

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kofferpacken.at: Ihr lebt hier oben auf der Göppinger Hütte recht abgeschieden, habt aber trotzdem täglich viele Leute um euch. Wie fühlt sich das Leben am Berg an?

Stefan Schwaiger: Es ist wirklich reinste Natur hier oben. Du erlebst extrem schöne Sachen, das ist ein großes Plus. Ab Anfang August sind die Steinböcke da. Sie werden von uns nicht gefüttert, das ist einfach ihr Revier. Auch die Hirsche ziehen bei uns vorbei. Es ist schön, dass die Tiere hier sind. Manchmal liegt im Sommer schon ein Meter Schnee. Dann hockst du in der Hütte und machst nicht mehr viel.

kofferpacken.at: Wie sieht euer Alltag auf der Hütte aus?

Stefan Schwaiger: Mit Freizeit ist da nichts. Wir stehen um sechs Uhr auf und richten das Frühstück für die Gäste her. Von 9 bis 10 Uhr wird geputzt. Danach folgen Versorgungsfahrten. Und gegen 11 Uhr kommen schon wieder die ersten Tagesgäste. Die Übernachtungsgäste treffen meist ab 14 Uhr hier ein.

Göppinger Hütte im Morgenrot
Die Göppinger Hütte im Morgenrot

kofferpacken.at: Ihr habt eine dreijährige Tochter. Wie handhabt ihr das?

Stefan Schwaiger: Sie ist einfach immer dabei. Heuer sind wir in der Früh mit der Kleinen per Seilbahn zur Spielgruppe ins Tal gefahren und mittags wieder rauf. Jetzt kommt sie in den Kindergarten, da müssen wir in der neuen Saison sicher noch mehr rauf- und runterfahren.

kofferpacken.at: Wie kommen Lebensmittel und Co. auf die Göppinger Hütte?

Stefan Schwaiger: Mit der Materialseilbahn. Während der Saison fährt sie zwei bis drei Mal pro Tag, das sind mindestens 200 Fahrten pro Saison. Große Teile werden mit dem Hubschrauber heraufgeflogen.

kofferpacken.at: Was muss man als Hüttenwirt alles können?

Stefan Schwaiger: Du solltest ein Allrounder sein und kleinere Sachen schnell selber flicken können. Es ist auch viel Technik dabei, von der Seilbahn bis zum Strom. Das gehört dazu. Aktuell kommt der Strom vom Dieselgenerator, ab 2021 produziert ihn eine große Photovoltaikanlage am Dach. Vor drei Jahren hat meine Frau noch alles selber gekocht, aber seit wir eine Tochter haben, gibt es auf der Hütte auch einen Koch. So haben wir auch mehr Zeit für die Gäste.

kofferpacken.at: Wie nimmst du die Gäste wahr?

Stefan Schwaiger: Das Hauptproblem in den vergangenen Jahren war, dass viele Schutzhütten immer mehr in Richtung Hotel gegangen sind. Nur dieses Jahr hat sich deutlich gezeigt, was wir sind. Und wir hoffen, dass hier ein Umdenken stattfindet. Ich glaube, der heurige Bergsommer hat die Menschen ein bisschen geerdet. Sie waren froh, dass sie überhaupt raus in die Natur konnten und die Schutzhütten aufsperren durften. Gäbe es Hütten wir unsere nicht, müssten Wanderer abends wieder absteigen. Das alles haben die Leute heuer wieder mehr geschätzt.

Stube Göppinger Hütte
Stube mit Bergblick

kofferpacken.at: Ihr habt Platz für bis zu 80 Wanderer, in diesem Sommer durftet ihr aufgrund der Corona-Bestimmungen weit weniger Menschen beherbergen. Wie gut müsst ihr organisiert sein?

Stefan Schwaiger: Es muss alles sehr strukturiert sein. Wir müssen genau planen, auch das Essen.

kofferpacken.at: Wie schafft ihr es, trotzdem mit den Gästen zu plaudern?

Stefan Schwaiger: Zeit ist immer weniger da, das ist es leider. Heutzutage ist alles so schnell. Zum Teil muss man sich die Zeit einfach nehmen. Es kommt auch darauf an, wie die Leute sind. Wenn an einem Tag 50 Leute zusammenkommen, die stressig sind, wird es ein stressiger Tag. Wenn die Leute mitspielen und gemütlich sind, gibt es auch mal Hüttenabende, dann passt alles perfekt. An einem anderen Tag wieder sind alle um 21 Uhr im Bett.

kofferpacken.at: Gibt es auch wirklich ungute Gäste?

Stefan Schwaiger: Als Hüttenwirt hast du sehr viel Routine. Ich bin schon so abgebrüht, es regt mich nix mehr auf. Dir kann jemand dreimal ins Gesicht schreien, das ist halt so. Zum Beispiel, wenn beim Frühstück irgendetwas nicht passt. Oder wenn du wissen willst, wie viele Personen einer Gruppe zum Frühstück kommen werden und daraufhin gefragt wirst: Macht ihr einen Gesichtsscan? Wir haben ein Büfett, da muss ich wissen, wie viele Personen etwas konsumieren. Zu 99 Prozent läuft es aber gut mit den Gästen.

Sonnenterrasse auf der Göppinger Hütte
Die Sonnenterrasse auf der Göppinger Hütte

kofferpacken.at: Ihr habt Trockentoiletten in der Hütte – damit tun sich die Leute scheinbar schwer?

Stefan Schwaiger: Das ist ein großes Thema. Wir sagen: Die Klos funktionieren super. Unsere vierjährige Tochter geht da tadellos rauf, da sieht man nie was. Wenn sich jeder normal hinsetzen würde, wäre das kein Problem. Viele kommen und sagen, die Klos sind grausig. Dabei werden sie drei Mal am Tag desinfiziert.

kofferpacken.at: Warum habt ihr die Trockentoiletten?

Stefan Schwaiger: Wir haben absolut kein Wasser, keine Quelle. Wir sammeln hinter dem Haus das Regenwasser und Schneewasser. Das benutzen wir zum Kochen und Waschen. Um es trinken zu können, muss es abgekocht sein. Deshalb geben wir Wasserflaschen aus.

kofferpacken.at: Habt ihr im Sommer auch mal einen Tag frei?

Stefan Schwaiger: Frei gibt es nicht. Wir schaffen 100 Tage durch.

kofferpacken.at: Und danach, was macht ihr im Herbst?

Stefan Schwaiger: Meistens fahren wir direkt in den Urlaub, die Welt anschauen und abschalten. Am liebsten ans Meer. Danach kommt die Arbeit in unseren Appartements im Tal.

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Lust auf noch mehr Vorarlberg: Wie wäre es mit einem verträglichen Uraub im Passivhaushotel im Montafon?

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